40jähriges Bühnenjubiläum von Dieter Mann

Interview in „Berliner Zeitung – online“ vom 4. September 2004

 

Herr Mann, vor 40 Jahren wurden Sie als Schauspieler an das DT engagiert, 1983-1991 waren Sie Intendant, nun werden Sie Ehrenmitglied des Ensembles - und doch sind Sie auf der Bühne gegenwärtig selten zu sehen. Wie verträgt sich das?

Sehr gut. Es war sehr heftig, 37 Jahre lang. Ich weiß, wie diese Spielzeit aussehen wird. Da kommen zwei sehr schöne Rollen, ich habe keinen Grund mich zu beklagen.

Viele Ihrer DDR-Kollegen reden anders. Woran liegt das?

Jetzt haben wir andere Verhältnisse, und ich sage das erst einmal wertfrei. Unbehagen entsteht, wenn ein Mann wie Zadek kommt und quasi ein Casting macht. Das ist mir in 39 Jahren nicht passiert. Und wenn er fünf Leute mitbringt, dann steht man vor der Frage: Will man Ensembletheater überhaupt noch. Wenn er mir als Intendant sagen würde, friss oder stirb, dann sterbe ich eben lieber, aber ich will mein Ensemble sehen. Damit sage ich nichts Prinzipielles gegen Gäste. Das kann befruchtend sein. Aber so einen Block reinzusetzen ... Es ist zwar nur einmal passiert, trotzdem denke ich, dass die Mutter Courage aus dem Haus hätte besetzt werden können. Ich sage nichts gegen die Kollegin, die das jetzt spielt. Es geht um den Kontext Ensemble.

Welche Erklärung gibt es für diesen Umgang mit den Schauspielern?

Wissen Sie, ein Schauspieler braucht Liebe. Manchmal braucht er auch Prügel, das weiß ich sehr wohl. Aber auch Schlagen ist eine Form von Aufmerksamkeit. Entwicklungslinien werden heute nicht mehr beobachtet. Es ist müßig, den vergangenen Zeiten nachzutrauern, aber ich vergesse sie auch nicht. Als wir Ulrich Mühe geholt haben, achteten wir natürlich sehr darauf, was er als nächstes zu spielen kriegt. Und so ist mit mir im Prinzip auch verfahren worden. Solter hat mich schon in der Schule ausgebildet, hat zwei für mich ganz wichtige Sachen gemacht: Er besetzte mich in Viktor Rosows "Unterwegs" (1964, d. Red.) und als Tempelherr in "Nathan der Weise" (1966, d. Red.). Danach sagte er mir in aller Offenheit: Dieter, ich hab an dir in den nächsten zwei Jahren kein Interesse. Das klingt brutal, aber es ist ehrlich. Das sind ja auch Liebesbeziehungen, wenn es freudlose Pflichterfüllung wird, muss man sich trennen.

Freudlose Finanzierungsfragen müssen zu DDR-Zeiten auch eine Rolle gespielt haben.

Als der Minister für Kultur mich angerufen hat, um mich zu fragen, ob ich Intendant des Deutschen Theaters werden möchte, haben wir das einzige Mal über Geld gesprochen. Und dabei ging es nicht um meine Gage, die war staatlich geregelt. Es ging um die Schulden, die hier aufgelaufen waren. Ich sagte, ich habe die Schulden nicht gemacht, ich arbeite sie auch nicht ab. Zehn Tage später war das Geld auf dem Konto vom DT. Da sich nichts bewegte, war die Planungssicherheit hoch. Man wurde damit nicht reich, aber man wusste, woran man war. Das weiß man heute nicht.

Statt über Geld redete man damals von Amts wegen über Ideologie.

Das ist weitaus aufregender, denn da brauchte man inhaltliche Argumente. Jetzt geht man wahrscheinlich mit einem Taschenrechner in so ein Gespräch. Damals musste man die Stücke durchsetzen. Und das ist gelungen, nicht immer, aber es ist gelungen. Man ging in so ein Gespräch hinein und wusste, was man mit dem Theater will. Und heute? Es ist alles möglich. Und das macht es beliebig.

Weil man so schwer an Aufmerksamkeit herankommt, sei es auch die von Autoritäten?

Ein Schauspieler muss sich aufgehoben fühlen, aber auch gefordert. Er braucht jemanden, der ihm deutlich sagt, pass auf, das kannst du noch nicht. Er braucht das Gefühl, dass ein Intendant, ein Regisseur sich um ihn kümmert.

Die Partei- und Staatsführung hat sich um ihre Theater gekümmert.

Es waren unerfreuliche Zeiten, als Wolfgang Langhoff, ein alter Kommunist, Riesenärger kriegte mit den eigenen Genossen. Ich habe eine andere Zeit erlebt. Auf mich ist ein einziges Mal versucht worden, Einfluss zu nehmen. Man wollte mir ausreden, Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee I" als Vorspiel zu Bechers "Winterschlacht" zu zeigen. Da habe ich gesagt, da müsst ihr euch entscheiden, wer das Theater leitet, ihr oder ich. Da ich nicht an meinem Amt hing, hatte ich nicht viel zu verlieren. Ich war zu einer Zeit Intendant, wo es unter bestimmten Gesichtspunkten ausgesprochen leicht war. Das Land hatte viele andere Sorgen.

Könnten Sie sich vorstellen, heute noch einmal Intenda...

Nein.

Warum nicht?

Weil ich weiß, was dranhängt, wenn man es so macht wie ich es gemacht habe. Es war sehr schön, aber als ich den Generalschlüssel an Thomas Langhoff übergeben habe, habe ich mich unter einen Apfelbaum gesetzt und nach acht Jahren wieder mal was gelesen, was ich wollte und nicht für's Haus lesen musste. Ich habe in meiner Antrittsrede gesagt, ich mache es nicht länger als fünf Jahre. Dann kam die Wende dazwischen, und ich habe Ehrgeiz entwickelt. Ich hatte einfach Schiss, dass das Theater krachen geht. Dann ist das Schillertheater krachen gegangen. Prinzipiell ist es nicht gut, wenn Leute so etwas zu lange machen, man nutzt sich ab. Insofern meine ich auch, die nächste Generation ist dran. Wenn man über den Zenit ist, und der Prellbock wird deutlicher, an dem es aufhört, wird das Leben immer kostbarer. Dann möchte man sich auch von einer Sache lösen können. Wenn man aber so ein Haus führt, muss man es nehmen wie Privateigentum. Heute müsste man sich im gesamten deutschsprachigen Raum auskennen, und der ist nun wirklich sehr viel größer als die DDR. Diese Aktivität und Kraft habe ich gar nicht mehr. Es ist auch ein bisschen Faulheit.

Ist der Traditionsbruch am DT, wenigstens vorübergehend, bis eine neue Generation antritt, heilbar?

Ich glaube, das geht bei den Grundbedingungen, die landesweit am Theater herrschen, nicht mehr. Wenn ein Schauspieler drei Tage drehen geht - das kann der größte Schrott in der beschissensten Serie sein - hat er seine Theater-Monatsgage verdient. Ich erlebe vierzigjährige Kollegen, die mir sagen, hast du es gut, du bist in zwei Jahren Rentner. Das ist doch erschreckend. Ich kann das gar nicht verurteilen. Was soll denn ein junger Schauspieler machen, heute mit seiner Grundgage? Dafür hat er am Theater durchzuschrubben, und nach zwei Jahren - dann, wenn eine Gehaltserhöhung fällig wäre - wird er rausgeräumt. Dann kommen die nächsten. Das macht mich alles ratlos. Wenn man so ratlos ist, dann darf man kein Theater führen.

Ist die Ratlosigkeit der DDR-Theaterleute daran schuld, dass so wenig vom DDR-Theater übrig ist?

Da haben natürlich auch die Kommunen versagt und nicht so sehr die Theaterleute. Ich bin mal gefragt worden, Anfang der Neunzer, ob ich eine Empfehlung für Stralsund hätte. Ich habe denen drei Namen gesagt. Aber nein, sie haben sich einen geholt, der im Westen kein Theater mehr gekriegt hätte. Machen wir uns nichts vor. Das ging mit dem Warenkorb los, alle waren geil auf diese Westprodukte, ich nehme mich gar nicht aus. Als die Losung in Leipzig wechselte von "Wir sind das Volk" auf "Wir sind ein Volk" - da hab ich mit Freunden vorm Fernseher gesessen, und wir haben gesagt: Danke, das war's.

Und dann fügten Sie sich der Fremdherrschaft?

Nein, das tue ich nicht. Sie sehen ja, ich positioniere mich. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich in der SED war. Ich tue nicht so, als hätte ich keine Vergangenheit. Theater ist nun mal am spannendsten, wenn gesellschaftlicher Druck herrscht.

Aber der herrscht doch.

Es fängt jetzt wieder an.

Und das Theater reagiert nicht. Ist das unideologisch?

Ich glaube, die haben keine Ideologie. Die wollen unterhalten.

Das ist auch eine.

Richtig. Kipphardt schreibt ungefähr: Der Bourgeois erlebt die Revolution nur in der Kunst. Der Satz ist buchenswert, und der ist in den 60er-Jahren geschrieben worden. Das ist nicht anders hier. Da gibt es wunderbare Ausnahmen, Leute, die wirklich versuchen gegenzusteuern. Ob man es mag oder nicht, so jemand wie Schlingensief. Die Schaubühne versucht das, bedingt. Wir sind noch nicht ganz an der Talsohle, dann wird Theater wieder aufregend werden. Ich bin sicher.

Und wo wären die Leute zu finden, die es aufregend machen?

Die werden sich finden, weil es dann wieder um Inhalte geht. Im Moment geht es darum, auffällig zu sein. Also die Brosche wird immer größer, das Kleid immer weniger erkennbar. Irgendwann ist die Brosche so schwer, dass sie runterfällt. Das muss man aussitzen. Ich war eine Zeit lang, ich gebe das zu, verunsichert: Ich fing an, mich für verstaubt im Kopf zu halten. Aber das kam wieder auf die Füße. Ich fragte mich, warum willst du Theater machen? Du möchtest eine Sache, die du für gut, richtig und, wenn's geht, auch noch für schön und aufregend hältst, öffentlich machen. Ich möchte einen guten Text, und ich möchte ihn bitte verstehen dürfen. Was mich nicht interessiert, ist die persönliche "Befindlichkeit" eines Regisseurs, also wie er gerade an der Welt leidet, das ist mir zu wenig. An der Welt leide ich selbst. Goethe sagt: "Wenn ich die Meinung eines anderen anhören soll, muss sie positiv ausgesprochen werden. Problematisches habe ich in mir selbst genug". Der Mann ist 83 geworden und hat eine Menge hinterlassen. Leider bin ich nicht Goethe.

 

 

Die Fragen stellten Detlef Friedrich und Ulrich Seidler.